Vor dem Tod

Wenn- was uns den Tod so schrecklich erscheinen lässt-
der Gedanke des Nichtseins wäre;
so müssten wir mit dem gleichen Schaudern der Zeit gedenken
da wir noch nicht waren.
Denn es ist unumstößlich gewiss, dass das Nichtsein
nach dem Tod nicht verschieden sein kann von dem
vor der Geburt- folglich auch nicht beklagenswerter.

Arthur Schopenhauer

 

 

 

Abkratzen Abnippeln, übern Jordan gehen, ins Gras beißen, die Rüben von unten angucken, den Löffel abgeben, entschlafen, aus dem Leben gehen.......

.......Sterben!

Für jeden Menschen kommt irgendwann einmal die Zeit, sich zu verabschieden, aus dem Leben zu gehen. Es ist also ein Thema für jeden.... die meisten Menschen verdrängen jedoch das Thema Tod, es ist noch immer ein Tabu in unserer heutigen, leistungsorientierten Zeit.
Es ist viel wichtiger, schön, erfolgreich und gut gekleidet als denn gesund zu sein- Krank sein bedeutet, anderen zur Last zur fallen, bedeutet ausgegrenzt sein, allein sein.
Wer krank ist, schadet der Wirtschaft, dem Gesundheitssystem, also der Gemeinschaft. Gut für die Gesellschaft ist nur, wer Leistung bringt.

Und sterben?

Dem Sterben geht meist eine lange, schwere Krankheit voraus. Das bedeutet leiden, Schmerzen, endlose Krankenhausaufenthalte, schmerzhafte Untersuchungen. Vor dem eigentlichen, physischen Tod kommt zudem noch der soziale Tod- Freunde wenden sich ab, weil sie das Leid anderer nicht ertragen können. Verwandte sind hilflos, trauern- meist schon vor dem Tod.
Doch soll man nicht das Leben feiern solange man es hat? Oder soll man den Kranken schon beerdigen, noch bevor er gestorben ist?

Jeder Mensch hat das recht, in Würde zu leben- so steht es in unserem Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses Gesetzt gilt für jeden Menschen, und zwar solange er lebt, es erlischt nicht, wenn man krank wird oder im Serben liegt. Das beinhaltet also auch: Jeder Mensch hat das Recht, in Würde zu sterben.
Und wie geht das? Würdevolles Sterben- wer wünscht sich nicht einen raschen, schmerzlosen Tod? Dieser Wunsch wird leider nur den wenigsten erfüllt. Jeder fünfte deutsche stirbt in Folge einer Krebserkrankung- qualvoll- schmerzvoll- langsam- und leider oft- allein! 

Chemotherapien, Röntgen, Ultraschall, CT, Lumbalpunktionen, Operationen, Stationsalltag im Krankenhaus, ungeschlafene Nächte, unbewältigte Ängste, ungelinderte Schmerzen, ungelebte Träume. Scham, Verzweiflung, Hilflosigkeit.

eine wahre Geschichte

Eine junge Frau, 36 Jahre alt, zwei kleine, hübsche Töchter, einen netten Ehemann. Eine glückliche Familie mit einem kleinen Einfamilienhaus mit gepflegtem Vorgarten. Der deutsche Traum vom Glück.

Nachbarn sagen: Eine nette Familie, immer freundlich, die Kinder so gut erzogen. Der Mann so strebsam.

Die Ärzte sagen: Brustkrebs- vielleicht noch ein, mit viel Glück vielleicht zwei Jahre zu leben! Aus der Traum vom deutschen Glück.

Für die Familie beginnt ein Horror, der zwei Jahre anhalten soll- von einem Arzt zum nächsten, Bestrahlungen, Chemos, Brustamputation. Dazu kommen die Nebenwirkungen der Medikamente, ständiges Erbrechen, Durchfall, enormer Gewichtsverlust. "Zum Glück sind mir die Haare geblieben." sagt sie mit einem müden Lächeln. Sie ist fertig, kann nicht mehr. Sie möchte gerne kämpfen- gegen den Krebs, für das Leben. Möchte stark sein, für ihre Töchter, von denen sie viel zu wenig hatte- für ihren Mann, den sie so liebt. Aber ihr Körper will nicht mehr. Ihr fehlt einfach die Kraft. Die Chemotherapie greift eben auch die gesunden Zellen an, nicht nur die entarteten. Dagegen ist der Körper machtlos.

Der Ehemann ist restlos überfordert mit der Situation. Die Kinder verängstigt. Freunde haben sich abgewandt, geblieben sind letztendlich nur ganz wenige, wirklich wahre Freunde. Die sind stark, schauen nicht weg, obwohl sie auch leiden, unter Mitleid, Hilflosigkeit, Trauer und Verzweiflung. Aber trotzdem nie den Mut verlieren. Denn die junge Frau kann nicht wegschauen, weglaufen oder sich abwenden, von ihrer Krankheit. Sie muss leiden, nicht die anderen, sie muss es ertragen, nicht die anderen, sie hat die Schmerzen, nicht die anderen, warum aber sagen immer nur die anderen: Ich kann das nicht ertragen?

Sie blickt mit traurigen Augen auf ihre Hände, spielt nervös mit den knochigen Fingern. Ihre Haut ist blass, aufgedunsen. Ihre Haare strohig und dünn. Die Lippen schmal und farblos. Ihr ganzer Körper wirkt eingefallen, klein. Langsam beginnt sie zu erzählen- von ihrem Leben, ihren Kindern. Sie würde so gerne erleben, wie die Kleine in die Schule kommt, die große den ersten Freund mit nach Hause bringt. Sie möchte ihre Enkel in den Schlaf singen und langsam kommt leben in ihre matten Augen. Es ist noch Kraft in diesem geschundenen Körper. "Es ist noch Hoffnung in mir. Denn jeder weitere Tag mit meiner Familie ist ein Geschenk." Und dann lächelt sie. Sie hat gelernt, das Leben mit anderen Augen zu sehen. Wirklich wichtig ist, zu lieben und geliebt zu werden. Zu Leben und sich zu freuen. "Ich freue mich über einen Schmetterling, der auf einer Blume sitzt. Über die Sonne, ein nettes Wort, einen Händedruck. Ein teures Auto, eine schicke Frisur oder ein straffer Po sind mir egal- unwichtig!" Das Leben genießen, wo es nur geht, das ist wichtig.

Hoffnung

Kurz vor ihrem Tod hat sie erfahren, das die Chemotherapie zwar gewirkt, aber nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat. Allerdings hat man sie an ein Krankenhaus verwiesen, wo ein CT gemacht werden sollte. Eventuell könne man noch einmal Operieren, das würde ihr gut zwei Monate einbringen.
Zwei Monate mit ihren Kindern. Eine lange Zeit. Zwei Monate, die für die junge Mutter Gold wert sind.

Würde?

Aber das Krankenhaus lehnt eine so teure Untersuchung ab. Mit der Begründung, der Krebs hätte zu weit gestreut. "Da kann man eh nix mehr machen!" Und was sind schon zwei Monate? Nicht viel wenn man gesund ist, aber eine Ewigkeit, wenn man den Tod vor Augen hat.

 

Wunsch und Wirklichkeit

Sie ist zu Hause gestorben. Weit weg von Apparaten und Medikamenten. Die Hand ihres Ehemannes auf ihrem Arm, seine Lippen auf ihrer Stirn. Sie hat nach Diagnosestellung noch ein Jahr und acht Monate gekämpft, gelitten, gelebt. Oft hat sie in dieser Zeit geweint, um den erlösenden Tod gebettelt, und doch versucht, jeden Tag, jede Stunde, ja- jeden Atemzug bewusst zu erleben, bevor Sie durch die letzte Tür ihres Lebens ging....

Jeder wünscht sich einen schnellen Tod- aber fast jeder wünscht erst einmal ein schnelles Auto, ein großes Haus, viel Geld. Denn das ist wichtig- Sterben hat Zeit. Darüber kann man später immer noch Nachdenken! 850.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland. Naturgemäß sind es immer die anderen. Ist man es selbst, ist es zu spät, sich Gedanken darüber machen.....

Aber eins ist ganz Gewiss und die letzte und (todsichere) Wahrheit: Wir müssen alle Sterben- ob wir wollen oder nicht!

Fotos by
http://www.fotos-in-berlin.de

Vielen Dank!